Erbe ausschlagen – einfach erklärt
Der Brief vom Nachlassgericht kommt an einem Dienstag. Der Vater, zu dem seit fünfzehn Jahren kein Kontakt bestand, ist gestorben. Was er hinterlässt, weiß niemand — außer der Bank, und die schreibt zwei Wochen später.
Ab dem Moment, in dem Du von Deiner Erbenstellung erfährst, läuft eine Uhr. Sie läuft sechs Wochen, und sie hält für keine Recherche an.
Was heißt „Erbe ausschlagen“?
Ein Erbe ausschlagen heißt, gegenüber dem Nachlassgericht zu erklären, dass Du die Erbschaft nicht willst — mit der Folge, dass Du rückwirkend nie Erbe warst.
Die Erbschaft fällt Dir mit dem Tod automatisch an, ohne dass Du etwas tun müsstest (§ 1942 Abs. 1 BGB). Du kannst sie nur wieder loswerden, indem Du sie aktiv ausschlägst. Tust Du nichts, gilt sie mit Ablauf der Frist als angenommen (§ 1943 BGB).
Ausgeschlagen wird immer der ganze Nachlass. Rosinenpicken gibt es nicht — das Sparbuch behalten und die Schulden ablehnen ist nicht vorgesehen.
Wie das in der Praxis aussieht
Die Ausschlagung kann nur binnen sechs Wochen erfolgen (§ 1944 Abs. 1 BGB). Die Frist beginnt in dem Zeitpunkt, in dem Du von dem Anfall und dem Grunde der Berufung Kenntnis erlangst — nicht am Todestag. Bist Du durch Testament berufen, beginnt sie nicht vor der Bekanntgabe der Verfügung durch das Nachlassgericht (§ 1944 Abs. 2 BGB).
Sechs Monate sind es nach § 1944 Abs. 3 BGB in zwei Fällen: wenn der Erblasser seinen letzten Wohnsitz nur im Ausland hatte, oder wenn Du Dich bei Beginn der Frist im Ausland aufhältst. Dazu passt Erben aus dem Ausland.
Die Form ist streng. Die Ausschlagung erfolgt durch Erklärung gegenüber dem Nachlassgericht, und zwar zur Niederschrift des Gerichts oder in öffentlich beglaubigter Form (§ 1945 Abs. 1 BGB). Ein Brief, eine E-Mail oder ein Anruf genügen nicht. Lässt Du Dich vertreten, braucht der Bevollmächtigte eine öffentlich beglaubigte Vollmacht, die innerhalb der Frist vorliegen oder nachgereicht werden muss (§ 1945 Abs. 3 BGB).
Zuständig ist nach § 343 FamFG das Amtsgericht am letzten gewöhnlichen Aufenthalt des Verstorbenen. Für den größten Teil Essens ist das das Amtsgericht Essen in der Zweigertstraße 52, für Steele, Kray, Freisenbruch, Horst und Überruhr das Amtsgericht Essen-Steele am Grendplatz 2. Ein Amtsgericht Essen-Werden gibt es nicht; Werden, Kettwig, Heidhausen und Fischlaken laufen über die Zweigertstraße. Erklärst Du stattdessen beim Notar, fällt dafür nach Nummer 21201 des Kostenverzeichnisses zum GNotKG eine 0,5-Gebühr an, mindestens 30 Euro.
Die Wirkung regelt § 1953 BGB: Der Anfall an Dich gilt als nicht erfolgt, und die Erbschaft fällt demjenigen an, der berufen wäre, wenn Du zur Zeit des Erbfalls nicht gelebt hättest.

Warum das für Dich wichtig ist
Weil ein geerbtes Haus in Essen sehr schnell ein Minusgeschäft sein kann. Ein Siedlungshaus in Katernberg mit einem Bodenrichtwert von 225 Euro je Quadratmeter Grundstücksfläche, ein Dach von vor fünfzig Jahren, eine Restschuld auf der Grundschuld und ein Keller voller Hausrat — da bleibt unter dem Strich oft nichts. Kommen Rückforderungen des Sozialamts dazu, wird aus dem Erbe eine Rechnung; dazu Sozialamtsregress bei Immobilien und geerbtes Haus mit Schulden.
Weil Du für die Nachlassverbindlichkeiten haftest, sobald Du Erbe bleibst (§ 1967 BGB), zunächst auch mit Deinem eigenen Vermögen. Es gibt Rettungsanker — Nachlassverwaltung und Nachlassinsolvenz beschränken die Haftung auf den Nachlass (§ 1975 BGB), und wenn dafür nicht einmal Masse da ist, hilft die Dürftigkeitseinrede des § 1990 BGB. Aber alle diese Wege sind aufwendiger als sechs Zeilen beim Nachlassgericht.
Und weil die Frist wirklich kurz ist. Sechs Wochen reichen nicht, um Kontostände, Grundbuch, Versicherungen und Handwerkerrechnungen eines fremden Haushalts zu klären. Wer im Zweifel ist, muss früh anfangen — und notfalls ausschlagen, statt zu hoffen.
Die häufigsten Fallstricke
Die Ausschlagung rutscht zu den eigenen Kindern
Das ist der teuerste Fehler. Schlägst Du aus, fällt die Erbschaft an den Nächstberufenen (§ 1953 Abs. 2 BGB) — und das sind sehr oft Deine eigenen Kinder. Für minderjährige Kinder müssen die Eltern gesondert ausschlagen, mit eigener Frist. Wer das übersieht, hat den überschuldeten Nachlass nur eine Generation weitergereicht. Immerhin: Die Haftung eines Minderjährigen beschränkt sich nach § 1629a BGB grundsätzlich auf das bei Eintritt der Volljährigkeit vorhandene Vermögen.
Annahme durch Verhalten
Wer die Wohnung entrümpelt, das Auto verkauft oder das Konto auflöst, bevor er entschieden hat, kann die Erbschaft konkludent angenommen haben — und nach § 1943 BGB ist danach keine Ausschlagung mehr möglich. Zwar behandelt § 1959 BGB Geschäfte vor der Ausschlagung wie eine Geschäftsführung ohne Auftrag, aber verlassen sollte man sich darauf nicht. Erst sichern, dann handeln. Zur Räumung siehe Haushaltsauflösung.
Die Frist wird ab dem Todestag gerechnet
Sie beginnt mit der Kenntnis von Anfall und Berufungsgrund, bei testamentarischer Berufung frühestens mit der Bekanntgabe durch das Nachlassgericht. Wer sie zu früh ansetzt, gibt sich unnötig Druck; wer sie zu spät ansetzt, verliert sie ganz.
Die Bestattung wird mit dem Erbe verwechselt
Die Kosten der Beerdigung trägt nach § 1968 BGB der Erbe — wer ausschlägt, ist das nicht. Die öffentlich-rechtliche Bestattungspflicht folgt aber dem Landesrecht und knüpft an die Angehörigenstellung an, nicht an die Erbenstellung. Die Ausschlagung nimmt Dir also nicht automatisch jede Pflicht rund um die Beisetzung ab.
Das Wichtigste in Kürze
- Sechs Wochen ab Kenntnis, sechs Monate bei Auslandsbezug (§ 1944 BGB).
- Nur beim Nachlassgericht, zur Niederschrift oder öffentlich beglaubigt (§ 1945 BGB) — formlos geht nichts.
- Wer die Frist verstreichen lässt, hat angenommen (§ 1943 BGB).
- Ausgeschlagen wird immer alles, nie einzelne Gegenstände.
- Die Erbschaft rückt an den Nächstberufenen weiter (§ 1953 BGB) — oft an die eigenen Kinder.
- In Essen: Amtsgericht Essen, Zweigertstraße 52, oder für Steele, Kray, Freisenbruch, Horst und Überruhr das Amtsgericht Essen-Steele, Grendplatz 2.
Häufige Fragen
Kann ich eine Ausschlagung rückgängig machen?
Nur durch Anfechtung, und nur unter engen Voraussetzungen. Die Anfechtung muss binnen sechs Wochen ab Kenntnis des Anfechtungsgrundes erfolgen (§ 1954 BGB), bei Auslandsbezug binnen sechs Monaten. Ein Irrtum über den Wert des Nachlasses reicht in der Praxis selten aus.
Was kostet die Ausschlagung?
Beim Notar richtet sich die Beurkundung nach Nummer 21201 des Kostenverzeichnisses zum GNotKG: 0,5-Gebühr, mindestens 30 Euro. Der Geschäftswert bemisst sich nach § 103 GNotKG nach dem betroffenen Vermögen abzüglich der Verbindlichkeiten — bei einem überschuldeten Nachlass bleibt es deshalb meist beim Mindestbetrag.
Verliere ich mit der Ausschlagung auch den Pflichtteil?
Im Regelfall ja. Es gibt Ausnahmen: Der überlebende Ehegatte kann nach § 1371 Abs. 3 BGB ausschlagen und neben dem Zugewinnausgleich den Pflichtteil verlangen. Und wer als Erbe durch Vermächtnis, Auflage, Teilungsanordnung oder Testamentsvollstreckung beschwert ist, kann nach § 2306 BGB ausschlagen und den Pflichtteil fordern.
Muss ich ausschlagen, wenn ich das Haus nicht will?
Nein. Wenn der Nachlass werthaltig ist, ist die Ausschlagung der falsche Weg — Du verschenkst dann Vermögen. Dann geht es um Verkauf oder Auseinandersetzung, siehe Erbauseinandersetzung.
Wie finde ich in sechs Wochen heraus, ob sich das lohnt?
Grundbuch, Kontoauszüge der letzten Monate, Post, Versicherungsordner, Steuerbescheide. Was zusammengehört und wie ein Verzeichnis aussieht, steht unter Nachlassverzeichnis; die praktische Reihenfolge unter Immobilie geerbt — erste Schritte.
Können mehrere Erben gemeinsam ausschlagen?
Jeder muss für sich erklären. Schlagen alle Berufenen einer Ordnung aus, rückt die nächste Ordnung nach; schlagen am Ende alle aus, erbt nach § 1936 BGB das Land — und der Fiskus kann nicht ausschlagen (§ 1942 Abs. 2 BGB).
Was ist mit Fristen und Details im Einzelfall?
Die habe ich ausführlicher unter Erbe ausschlagen — Fristen aufgeschrieben. Bei überschuldeten Nachlässen mit Immobilie gehört die Entscheidung vor einen Fachanwalt für Erbrecht, und zwar in der ersten und nicht in der fünften Woche.
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Christian Gottschling
Geschäftsführer der GOTTSCHLING Immobilien GmbH in Essen. Über 400 Immobilienverkäufe, mehr als 1.000 Vermietungen und rund 4.000 verwaltete Wohneinheiten im Ruhrgebiet, dazu ein eigenes Handwerkernetz für alle Gewerke.
Zuletzt geprüft am 5. September 2026. Rechtsgrundlagen wurden am Wortlaut auf gesetze-im-internet.de geprüft. Marktdaten: Gutachterausschuss für Grundstückswerte in der Stadt Essen über BORIS.NRW. Kosten- und Zeitangaben sind Größenordnungen aus der Praxis, keine amtlichen Zusagen. Dies ist keine Rechts- oder Steuerberatung – im Einzelfall entscheiden Notar, Rechtsanwalt oder Steuerberater.

