ETS 2 und Heizkosten ab 2027 – einfach erklärt
Auf der Gasrechnung steht eine Zeile, die es früher nicht gab: ein CO₂-Preisbestandteil in Euro, mit einer Menge Kilogramm daneben. Der Betrag ist bislang überschaubar. Die Frage, die jeder Eigentümer eines schlecht gedämmten Hauses stellen sollte, ist eine andere: Was passiert mit dieser Zeile in den nächsten fünfzehn Jahren?
Was ist ETS 2?
ETS 2 ist der zweite europäische Emissionshandel — ein Handelssystem für die Treibhausgase aus Brennstoffen, die in Gebäuden und im Verkehr verbrannt werden.
Der erste europäische Emissionshandel erfasst Kraftwerke, Industrie, Luft- und Seeverkehr. ETS 2 ergänzt ihn um die Brennstoffe, die in Deinem Heizungskeller und in Deinem Tank landen: Erdgas, Heizöl, Flüssiggas, Benzin, Diesel. In Deutschland tritt er an die Stelle des nationalen Systems nach dem Brennstoffemissionshandelsgesetz (BEHG).
Wie die Mechanik funktioniert
Der Punkt, an dem die meisten Erklärungen vorbeigehen: Du kaufst keine Zertifikate. Verpflichtet ist der Inverkehrbringer des Brennstoffs — der Gaslieferant, der Ölhändler, die Mineralölgesellschaft.
Der Weg ist immer derselbe:
- Der Brennstoffhändler bringt Gas oder Öl in Verkehr und muss dafür Emissionszertifikate abgeben.
- Er kauft sie an einer Versteigerung oder am Markt und schlägt den Preis auf den Brennstoff auf.
- Du bezahlst den Aufschlag mit der Brennstoffrechnung und siehst ihn dort ausgewiesen.
- Bei vermieteten Gebäuden wird er über die Heizkostenabrechnung verteilt, aber nicht vollständig auf den Mieter — siehe CO₂-Kostenaufteilung.
Dass Du den Betrag überhaupt siehst, ist kein Zufall: § 3 Abs. 1 CO2KostAufG verpflichtet Brennstoff- und Wärmelieferanten, auf der Rechnung Emissionen in Kilogramm CO₂, Preisbestandteil, Emissionsfaktor je Kilowattstunde und Energiegehalt „in allgemeinverständlicher Form“ auszuweisen.

Ab wann — und der Vorbehalt im Gesetz
Zwei deutsche Gesetze regeln den Übergang, und beide lassen sich nachlesen.
§ 7 Abs. 2 des Treibhausgas-Emissionshandelsgesetzes (TEHG) bestimmt: Verantwortliche sind verpflichtet, ab dem 1. Januar 2028 jährlich bis zum 31. Mai Emissionszertifikate abzugeben, die den im vorangegangenen Kalenderjahr verursachten Emissionen entsprechen.
§ 24 Abs. 1 BEHG nimmt die Gegenseite: Die Pflichten des nationalen Systems entfallen für Brennstoffe, die nach dem 31. Dezember 2026 in Verkehr gebracht werden und ab dem 1. Januar 2027 der TEHG-Abgabepflicht unterliegen. Das nationale System läuft aus, wenn das europäische anfängt.
Und dann gibt es § 56 TEHG, die Übergangsregelung „bei außergewöhnlichen Marktentwicklungen“. Sie lautet: Veröffentlicht die Europäische Kommission bis zum Ablauf des 15. Juli 2026 im Amtsblatt den Eintritt der Bedingung nach Artikel 30k Absatz 1 der EU-Emissionshandelsrichtlinie, gilt die Abgabepflicht nicht für Brennstoffe, die vor dem 1. Januar 2028 in Verkehr gebracht worden sind. § 24 Abs. 1 Satz 2 BEHG verschiebt in diesem Fall auch das Ende des nationalen Systems entsprechend.
Im Klartext: Der Start ist gesetzlich vorbereitet, aber unter einem Verschiebungsvorbehalt. Wer sagt, alles sei fest terminiert, hat § 56 TEHG nicht gelesen.
Was es kostet — und was niemand weiß
Das nationale System hatte einen Festpreispfad. § 10 Abs. 2 BEHG legt ihn fest: Er begann bei 25 Euro je Zertifikat und stieg in Stufen auf zuletzt 55 Euro; für die letzte Stufe der Einführungsphase gilt ein Korridor von 55 bis 65 Euro. Diese Zahlen stehen im Gesetz und sind verlässlich.
Danach hört die Verlässlichkeit auf. Der ETS-2-Preis entsteht an einem Markt. In den deutschen Gesetzen, die ich hier zitiere, steht keine Preisobergrenze für die Zeit danach — der einzige preisbezogene Sicherungsmechanismus, den das deutsche Recht sichtbar macht, ist die Verschiebung nach § 56 TEHG. Deshalb steht auf dieser Seite keine Preisprognose. Wer Dir eine nennt, rät.
Was man dagegen seriös machen kann, ist eine Empfindlichkeitsrechnung. Ein Reihenhaus verbraucht 22.000 Kilowattstunden Erdgas im Jahr; bei einem Emissionsfaktor von rund 0,201 Kilogramm CO₂ je Kilowattstunde sind das rund 4,4 Tonnen:
| angenommener Zertifikatepreis | CO₂-Anteil im Jahr |
|---|---|
| 55 Euro je Tonne | rund 243 Euro |
| 100 Euro je Tonne | rund 442 Euro |
| 150 Euro je Tonne | rund 663 Euro |
| 200 Euro je Tonne | rund 884 Euro |
Das ist keine Prognose, sondern eine Rechnung mit angenommenen Werten. Sie zeigt, wie empfindlich Dein Haus auf den Preis reagiert: Ein Haus mit 4,4 Tonnen Ausstoß reagiert dreimal so stark wie eines mit 1,5 Tonnen.
Warum das für Dich wichtig ist
Weil sich damit die Bewertung eines schlecht gedämmten Hauses ändert. Käufer rechnen Betriebskosten in den Preis ein. Ein Objekt, dessen laufende Kosten von einem nach oben offenen Preis abhängen, trägt ein Risiko, das ein gedämmtes Objekt nicht trägt. Der Abschlag entsteht nicht, weil das Haus heute teuer im Betrieb ist, sondern weil unklar ist, wie teuer es morgen wird.
In Essen trifft das den Kern des Bestands. Vor- und Nachkriegsbauten mit ungedämmter Hülle und Gasheizung sind hier die Regel, nicht die Ausnahme. In Lagen mit einem Immobilienrichtwert um 2.000 Euro je Quadratmeter — Altenessen-Nord, Karnap, Schonnebeck — wiegt ein solcher Abschlag prozentual schwerer als in Bredeney mit rund 3.300 Euro. Was das für die Entscheidung zu sanieren bedeutet, steht unter Wann sich Sanieren nicht lohnt und Energetische Sanierung.
Für Vermieter kommt ein doppelter Effekt dazu: Das Kohlendioxidkostenaufteilungsgesetz weist einem schlecht gedämmten Gebäude bis zu 95 Prozent der CO₂-Kosten zu — steigt der Preis, multipliziert sich beides. Der Rechenweg steht unter CO₂-Kosten aufteilen.
Und es verschiebt die Heizungsentscheidung. Eine Pflicht zum Tausch gibt es nicht mehr, siehe 65-Prozent-Regel. Die Steuerungsgröße ist der Brennstoffpreis — und der spricht für Lösungen ohne fossilen Brennstoff: Wärmepumpe oder ein Wärmenetz, sofern eines kommt. Ob das in Deiner Straße der Fall ist, sagt die kommunale Wärmeplanung, für Essen Wärmeplanung in Essen.
Die häufigsten Fallstricke
Preisprognosen werden für Fakten gehalten
Zu ETS 2 kursieren Zahlen von Verbänden, Instituten und Verkäufern. Keine steht im Gesetz. Verlässlich sind der Festpreispfad des § 10 Abs. 2 BEHG und die Termine der §§ 7 und 56 TEHG.
Der Verschiebungsvorbehalt wird übersehen
§ 56 TEHG kann den Start um ein Jahr nach hinten schieben. Wer eine Investitionsrechnung auf einen festen Starttermin stützt, rechnet mit einer Zahl, die das Gesetz selbst unter Vorbehalt stellt.
Der Vermieteranteil wird nicht mitgerechnet
Wer als Kapitalanleger nur die Bruttomiete betrachtet, übersieht einen jährlich wiederkehrenden, nicht umlagefähigen Kostenblock, der mit dem CO₂-Preis mitwächst.
Strom wird mit Brennstoff verwechselt
ETS 2 erfasst Brennstoffe, nicht den Strombezug. Für eine strombetriebene Wärmepumpe fällt kein aufzuteilender CO₂-Kostenanteil an — die Emissionen der Stromerzeugung stecken im ersten Emissionshandel und damit bereits im Strompreis.
Das Wichtigste in Kürze
- ETS 2 ist der europäische Emissionshandel für Brennstoffe in Gebäuden und im Verkehr.
- Zertifikate kauft der Brennstoffhändler, nicht Du — der Preis erreicht Dich über die Brennstoff- und Heizkostenrechnung.
- § 3 Abs. 1 CO2KostAufG verlangt, dass der CO₂-Anteil auf der Rechnung ausgewiesen wird.
- § 7 Abs. 2 TEHG datiert die Abgabepflicht auf den 1. Januar 2028 für die Emissionen des Vorjahres; § 24 Abs. 1 BEHG beendet dafür das nationale System.
- § 56 TEHG erlaubt eine Verschiebung um ein Jahr, wenn die EU-Kommission bis zum Ablauf des 15. Juli 2026 die Bedingung nach Artikel 30k Abs. 1 der Richtlinie bekannt macht.
- Nach der Festpreisphase entsteht der Preis am Markt. Die Entwicklung ist offen — hier steht bewusst keine Prognose.
- Je höher der Ausstoß je Quadratmeter, desto empfindlicher reagiert das Objekt.
Häufige Fragen
Muss ich als Eigentümer Zertifikate kaufen?
Nein. Verpflichtet sind die Verantwortlichen im Sinne des Emissionshandelsrechts, also die Inverkehrbringer der Brennstoffe. Du zahlst den Aufschlag im Preis.
Gilt ETS 2 auch für Fernwärme?
Größere Wärmeerzeugungsanlagen unterliegen bereits dem ersten europäischen Emissionshandel. Für die Abrechnung mit Mietern gilt § 2 Abs. 4 CO2KostAufG — nicht aber für Gebäude, die erstmals nach dem 1. Januar 2023 einen Wärmeanschluss erhalten haben.
Wie hoch wird der CO₂-Preis?
Das weiß niemand. Im Gesetz steht der Festpreispfad des § 10 Abs. 2 BEHG bis zum Ende der Einführungsphase; danach bildet ein Markt den Preis. Jede Zahl darüber hinaus ist eine Schätzung.
Lohnt es sich jetzt noch, eine Gasheizung einzubauen?
Erlaubt ist es. Ob es sich lohnt, ist eine Wette auf den Brennstoffpreis über die Lebensdauer der Anlage — dazu 65-Prozent-Regel und Heizung tauschen oder Abschlag geben.
Kann ich die CO₂-Kosten als Vermieter umlegen?
Nicht vollständig; Klauseln, die das versuchen, sind nach § 6 Abs. 1 CO2KostAufG unwirksam. Wie viel bei Dir bleibt, entscheidet die Stufe Deines Gebäudes — siehe CO₂-Kostenaufteilung.
Was bringt Dämmen gegen den CO₂-Preis?
Sie senkt die verbrannte Brennstoffmenge und damit die Bemessungsgrundlage — und bei Vermietung zusätzlich die Stufe, in die das Gebäude fällt. Beides wirkt in dieselbe Richtung, siehe Dämmung der obersten Geschossdecke.
Wirkt sich das auf den Energieausweis aus?
Nicht unmittelbar — der Ausweis zeigt Bedarf oder Verbrauch und die Energieeffizienzklasse, nicht den CO₂-Preis. Er ist aber die Kennzahl, an der Käufer das Risiko ablesen.
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Christian Gottschling
Geschäftsführer der GOTTSCHLING Immobilien GmbH in Essen. Über 400 Immobilienverkäufe, mehr als 1.000 Vermietungen und rund 4.000 verwaltete Wohneinheiten im Ruhrgebiet, dazu ein eigenes Handwerkernetz für alle Gewerke.
Zuletzt geprüft am 5. September 2026. Rechtsgrundlagen wurden am Wortlaut auf gesetze-im-internet.de geprüft. Marktdaten: Gutachterausschuss für Grundstückswerte in der Stadt Essen über BORIS.NRW. Kosten- und Zeitangaben sind Größenordnungen aus der Praxis, keine amtlichen Zusagen. Dies ist keine Rechts- oder Steuerberatung – im Einzelfall entscheiden Notar, Rechtsanwalt oder Steuerberater.

